Wort zum Sonntag, Ausgabe Salzgitter-Zeitung Samstag 08. März 2025
Aphorismen und Sprichwörter
„Im Sieb bleibt, wenn man es schüttelt, der Abfall zurück; so entdeckt man die Fehler eines Menschen, wenn man über ihn nachdenkt. Töpferware wird nach der Brennhitze des Ofens eingeschätzt; ebenso der Mensch nach dem Urteil, das man über ihn fällt. Der Art des Baumes entspricht seine Frucht. So wird jeder nach seiner Gesinnung beurteilt. Lobe keinen Menschen ehe du ihn beurteilt hast; denn das ist die Prüfung für jeden.“ (Jesus Sirach (Ben Sirach) 27, Verse 4-7) Das Buch des Weisheitslehrers Ben Sirach bietet eine lose Aneinanderreihung von Aphorismen und Sprichwörtern. Die ausgewählten Verse kreisen um die richtige Menschenkenntnis. Der Weisheitslehrer Ben Sirach geht auf ein Problem ein, dass die Menschheit bis heute beschäftigt: die Gefahr für die menschliche Integrität aufgrund des Drangs zur Gewinnmaximierung (Verse 1-3). Oder in den Worten eines französischen Philosophen: „Der Handel ist die Schule des Betrugs.“ In der Herrschaftszeit des Perserreiches setzte sich die geprägte Münze als Zahlungsmittel durch und das Kaufen und Verkaufen mit Bargeld gewann in der Zeit Alexander des Großen, seine fundamentale Bedeutung. Nicht nach dem Geldbesitz, sondern nach seinem Denken und Handeln soll ein Mensch beurteilt werden Für Ben Sirach ist dies die Gottesfurcht. Erst vor der Haltung existentieller Hingabe an Gott legen die Verse offen, was Menschsein in rechter Weise bedeutet. Nun bündeln solche Verssprüche in der Regel erfahrungsgesättigte Lebensweisheiten, die in allgemein verständlichen und vertrauten Bildern, kurz und knapp so klar und einfach daher kommen, dass sie keiner großen Erläuterung bedürfen. „Im Sieb bleibt, wenn man es schüttelt, der Abfall zurück.“, behauptet etwa der 1. Vers der Bibelstelle. Nun, das mag stimmen für jemanden, der Getreide, Mehl oder feinen Bausand aussiebt. Ein Goldwäscher dagegen wird darüber vielmehr seinen Kopf schütteln: In seinem Rüttelsieb bleibt ja keineswegs Abfall zurück, sondern das genaue Gegenteil davon! Leider gibt es in unserer Alltagssprache auch sprachliche Bilder, die – wörtlich genommen – stumpfsinnig und mitunter sogar gefährlich sind, weil sie mehr Verwirrung als Orientierung stiften: so z.B. die weit verbreitete Rede vom „kleinsten gemeinsamen Nenner“ zwischen Konfliktparteien. Das Bild stammt aus der Bruchrechnung. Wir wissen aber noch, dass der kleinste gemeinsame Nenner bzw. Teiler verschiedener Zahlen immer eins ist. Eins unter dem Bruchstrich ändert aber gar nichts an einer Position! Was also wäre mit der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen Konfliktpartnern gewonnen? In der Realität muss es Kontrahenten in einem Interessenkonflikt doch immer um den „größtmöglichen gemeinsamen Nenner“ gehen, also um den maximalen Konsens oder Kompromiss, den alle Seiten noch als Basis ihrer Koexistenz akzeptieren und maximal miteinader teilen können! Wie hilfreich wäre es etwa gewesen, wenn Russland, die Ukraine, die NATO und die Willigen unter den Europäer bzw. europäischen Staaten ihre jeweiligen Positionen nicht stets nur durch eins geteilt hätten, also letztlich in ihren festgefahrenen Standpunkten verharrt wären, sondern wenn sie stattdessen nach einem in der Realität vielleicht kleinen, aber zugleich maximalen gemeinsam Nenner ihrer jeweiligen Interessen gesucht und auf dieser Basis die militärische Gewalteskalation vermieden hätten und Wege zum Frieden eingeschlagen hätten. Krieg ist immer die letzte Konsequenz verantwortungslosen Beharrens auf der eigenen Position und der Unfähigkeit zum ehrlichen Kompromiss. Ein solcher kann aber nur gelingen im aufrichtigen Ringen um einen größtmöglichen gemeinsamen Nenner. Fazit: Auch häufige, allgemein gebräuchliche Redewendungen sind kritisch auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Denn auch falsche Sprachbilder schaffen Wirklichkeit – nur eben leider: eine falsche und – wie wir gerade erleben müssen – eine Wirklichkeit, die zutiefst verunsichert und die niemand ernsthaft wollen mag.
Von Stephan Weiland, Diakon